Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Einführung zum Diagnostizieren

Man nennt die ärztliche Tätigkeit des Untersuchens und Überlegens, welche das Ziel hat einen Krankheitszustand einer Krankheitseinheit zuzuordnen Diagnostizieren.

Das Diagnostizieren setzt also voraus, dass es bestimmte bzw. definierte Krankheitseinheiten gibt und, dass der Arzt diese Krankheitseinheiten kennt.

Beim Diagnostizieren besteht die Aufgabe des Arztes darin, durch Überlegung und Untersuchungen herauszufinden, welcher Krankheitseinheit der vorliegende Krankheitszustand zuzuordnen ist.  Mit anderen Worten: Der Arzt hat die Aufgabe in Bezug auf die ihm bekannte Nosologie (die ihm bekannte Klassifikation der Krankheiten) den vorliegenden Krankheitszustand zu bestimmen.

Wenn der Krankheitszustand diagnostisch bestimmt worden ist, so kann in weiterer Folge eine Behandlung beginnen, von der man aus Erfahrung weiß, dass sie zur Behandlung derartiger Krankheitszustände nützlich ist.

Grundsätzlich unterscheidet man körperliche gesundheitliche Störungen Krankheiten von psychischen Störungen.

Körperliche (somatische) Krankheiten werden auf der Grundlage von körperlichen Krankheitsmerkmalen bestimmt. Dabei findet man, dass ein Teil dieser Merkmale objektiv gültig bestimmbar ist, wohingegen andere körperliche Merkmale, nämlich Symptome und nicht-objektivierbare Phänomene nicht objektiv, sondern nur subjektiv gültig bestimmbar sind.

Bei den psychischen Störungen findet man ebenfalls, dass diese nur auf der Grundlage von subjektiv bestimmbaren Merkmalen festgestellt werden können, nämlich auf der Grundlage von psychischen Phänomenen und psychischen Symptomen.

Natürlich ist es nahe liegend, dass auch die psychischen Erscheinungen Ausdruck von körperlichen Vorgängen des Nervensystems sind.  Ungeachtet dessen gründen sich jedoch  bis dato die psychiatrischen Diagnosen jedoch sämtliche auf Auffälligkeiten (Merkmale), die nicht durch körperliche Zeichen bestimmt werden können – sondern sind bis heute weiterhin psychopathologische Phänomene und Verlaufskriterien die diagnostischen Kriterien einer psychiatrischen Diagnose.

Psychische Krankheiten (psychische Störungen) werden also bis dato durch psychische Erscheinungen bestimmt bzw. gründen sich psychische (psychiatrische) Diagnosen auf psychopathologische Phänomene. (griechisch: phainomenon ein sich Zeigendes, ein Erscheinendes).

Diese Phänomene erscheinen als Folge der mentalen Prozesse -also also Folge des Denkens – in der Form der Begriffe im Bewusstsein der Person, also zum Teil im Bewusstsein des Patienten und zum Teil im Bewusstsein des untersuchenden Arztes wenn dieser die Befunde erhebt.

Das heißt der Untersucher gelangt im Laufe seiner Untersuchung, in Folge seiner Beobachtung, infolge der Mitteilungen die er vom Patienten hört, infolge seiner sonstigen Wahrnehmungen, – also infolge seiner Sinneswahrnehmungen, seiner Überlegungen und seines medizinischen Wissens und Verständnisses dazu, dass er zur Feststellung der Befunde und in weiterer Folge zur Feststellung der Diagnose gelangt.

Zum Beispiel gelangt der Untersucher in der Psychiatrie zur Feststellung, dass die untersuchte Person unter einer Antriebsstörung leidet, dass sie depressiv gestimmt ist, vorschnell ermüdet usf.

Aus der Gesamtheit der so festgestellten psychischen Phänomene gelangt der Psychiater / Psychiaterin sodann zur psychiatrischen Diagnose.

In gleicher Weise gelangt ein Ärzt / Ärztin in der Medizin auf der Grundlage des medizinischen Befundes zur medizinischen Diagnose.

So wie der in der somatischen Medizin tätige Arzt zur Feststellung einer körperlichen Krankheit auf der Grundlage der von ihm festgestellten Merkmale, der Symptome und den sonstigen Zeichen zur Feststellung der somatischen Diagnose gelangt – so gelangt der psychiatrisch tätige Arzt infolge der von ihm festgestellten psychopathologischen und sonstigen Phänomene zur Feststellung psychiatrischen Diagnose.

Wie an anderer Stelle detailliert dargestellt wird ist allerdings die Feststellung eines psychopathologischen Phänomens bzw. die Erhebung eines psychiatrischen Befundes nicht objektiv möglich.

In den Schriften von Immanuel Kant ist nicht von psychopathologischen Phänomenen die Rede. (Anmerkung: Denn Begriff Psychiatrie hat es zu Kant`s Zeiten noch nicht gegeben. Immanuel Kant lebte von 1724-1804, der Begriff Psychiatrie wurde erst im Jahr 1808 eingeführt – weiteres siehe hier). Jedoch finden sich in den Schriften von Immanuel Kant Textstellen, wo er von  psychologischen Ideen spricht und aufzeigt, dass es sich dabei um „bloße Ideen“ handelt. (vgl. mit Kant Zitat 4)

Die Tatsache dass psychologische Ideen und auch psychiatrische Ideen bloße Ideen im Sinn von Immanuel Kant sind, bildet den alles entscheidenden Punkt warum psychische Merkmale bzw. psychopathologische Merkmale das heißt psychopathologische Phänomene (und sonstige Phänomene dieser Art) nicht objektiviert werden können. Daher können auch die psychiatrischen Diagnosen, die sich auf solche Phänomene gründen nicht objektiviert werden.

Während also ein Teil der körperlichen Diagnosen objektivierbar ist, ist dies bei psychiatrischen Diagnosen grundsätzlich nicht möglich, weil diese auf einer ganz anderen Grundlage erkannt werden (vgl. mit Kant Zitat 7). Daher kann man in der Psychiatrie einen Teil der psychiatrischen Diagnosen zwar durch körperliche Ursachen erklären und den Zusammenhang der psychischen Phänomene mit der körperlichen Grundlage verstehen- aber diagnostisch bestimmen kann man die psychischen Störungen auf der Grundlage von körperlichen Merkmalen nicht. (-> Weiteres dazu auf Poster 6: Diagnosis in Psychiatry – the Role of Biological Markers – an investigation in the light of Immanuel Kant`s philosophy)

Man findet, dass man nur Diagnosen, die auf der Grundlage von Gegenständen schlechthin bzw. auf der Grundlage von Zeichen von solchen Gegenständen erkannt werden objektiv bestimmbar sind. Die anderen Diagnosen, nämlich diejenigen, die sich auf Merkmale gründen, die uns nur als Gegenstände in der Idee gegeben sind – kann man nicht objektiv gültig sondern nur subjektiv gültig bestimmen. (vgl. mit Kant Zitat 7)

Als Folge dieses großen Unterschieds in der Grundlage der Erkenntnis ergeben sich weitreichende  Konsequenzen die Diagnostik und somit für die Praxis und für die Wissenschaft, die berücksichtigt werden sollten. (-> Weiteres dazu hier -> zur Linkliste Konsequenzen)

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(letzte Änderung 7.12.2013, abgelegt unter Diagnostizieren, Medizin, Psychiatrie)

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