Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Psychiatrie – historisches Beispiel – zum Exorzismus

Bekanntlich kam es in der Zeit, bevor die psychischen Störungen als Krankheiten der Psyche verstanden wurden dazu, dass jemand auf die Idee kam, dass die psychisch auffällige Person „besessen“ oder „verhext“ ist, sie also von einem Dämon, oder dem Teufel besessen ist oder unter dem Einfluss einer Hexe steht.

Je nach dem welche gedanklichen Inhalte die „besessene“ Person äußerte, wenn sie von „bösen“ Inhalten (etwa vom Teufel etc.) sprach, wurde ihr angedichtet, dass sie vom Teufel besessen ist.

Man kam daher auf die Idee, dass ein Kirchenmann also ein Geistlicher in der Lage sein sollte den Teufel durch Exorzismus (-> WikiBeitrag) auszutreiben.

Die erkennende Person – in diesem Fall der Geistliche also ein Theologe der als Exorzist tätig wurde – hatte primär die Idee, dass es so sein könnte, dass die betroffene Person XY vom Teufel besessen ist.

Wenn dann die betroffene Person z.B. am nächsten Tag immer noch zum Fenster hinausgeflucht hat und vom Teufel sprach – dann gelangten er und die anderen gläubigen Beobachter also in diesem Sinne Gläubigen infolge ihres persönlichen Glaubens zur subjektiven Gewissheit, dass die betroffene Person XY tatsächlich vom Teufel besessen ist.

Damit vollzog sich der Wechsel von der Hypothese zur subjektiven Gewissheit und damit zum persönlichen Glauben. Zuerst vermutet man etwas – und dann ist man plötzlich davon überzeugt, dass es tatsächlich so ist.

Die erkennende Person hatte also durch den primären Einfall sich eine Erklärung für den Sachverhalt geschaffen, in dem sie die realen Erscheinungen, nämlich die Äußerungen der Person XY unter der „projektierten Einheit„: „Besessenheit“ auffasste (vgl. mit Kant Zitat 7) – und in weiterer Folge, als sie ihre Annahme durch die weitere Erfahrung bestätigt fand, wurde daraus die fixe Überzeugung (subjektive  Gewissheit).

Damit hatte die erkennende Person die Idee“Besessenheit“ (die im Sinne von Immanuel Kant eine bloße Idee ist) konstitutiv gebraucht.

Es ist hinlänglich bekannt welche tragischen Folgen mit dem konstitutiven Gebrauch der Ideen in solchen Fällen in der Vorzeit verbunden waren (exorzistische Folterungen bis zur Verbrennung auf dem Scheiterhaufen etc.) und all das, weil die Personen, die dies verantworteten und unternahmen allesamt infolge ihres Glaubens zutiefst davon überzeugt waren, im Namen Gottes und der Welt „richtig“ und „gerecht“ zu handeln.

Hätte eine Person damals ihre Erkenntnis, dass die Person XY „besessen“ ist nur relativ bzw. nur relativistisch (vgl. mit Kant Zitat 4) gebraucht, so hätte sie zwar unter Umständen die Möglichkeit der „Besessenheit“ in Erwägung gezogen, sie hätte jedoch auch andere Möglichkeiten als mögliche Ursache für die Erscheinungen (die psychischen Phänomene) in Betracht gezogen.

Zweifelsohne gab es auch im Mittelalter klügere Leute, die die Verbrennung auf dem Scheiterhaufen nicht als die angemessene „Behandlung“ angesehen haben, – weil aber diese vernünftigeren Leute nicht das „Sagen“ hatten und sie auch nicht die große Menge bildeten, und daher auch nicht die große Menge der Leute hinter sich hatten, nahm die Dynamik ihren tragischen Lauf.

Es war dann also ein Segen für die Menschheit als durch die Aufklärung die kritische Sicht der Dinge begann. Das kritische Hinterfragen der Sachverhalte und Zusammenhänge der Erscheinungen (infolge der Entwicklungen in der Philosophie) führte dazu, dass vermehrt aufgeklärte Leute – und damit auch vermehrt Ärzte – begannen zu erkennen, dass es sich bei den psychischen Auffälligkeiten – im Sinne einer Paranoia – um psychische Krankheiten bzw. psychische Störungen handelt. Man kann auch froh sein, dass diese aufgeklärte Sichtweise in der Rechtsprechung und daher in psychiatrischen Gutachten in der Neuzeit ihren Niederschlag gefunden hat und die finsteren Zeiten der Inquisition – wenn auch nicht überall – aber doch in den meisten Gegenden der Welt – hinter uns liegen.

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Weiteres dazu auch in den Beiträgen:

Geschichte der psychiatrischen Klassifikation

und

Exorzismus – Ergebnis der falschen Verwendung einer Idee

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(letzte Änderung 24.11.2019, abgelegt unter: Diagnostik, Forensik, Forensische Psychiatrie, Gutachten, Philosophie, Psyche, Psychiatrie, Psychose, Rechtsprechung)

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