Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Kant Zitat 9a : Sinneswahrnehmung – versus – Schein (vom transzendentalen Schein) – Dialektik – Plausibilität

I. VOM TRANSZENDENTALEN SCHEIN

„Wir haben oben die Dialektik überhaupt eine Logik des Scheins genannt. Dies bedeutet nicht, sie sei eine Lehre der Wahrscheinlichkeit; denn diese ist Wahrheit, aber durch unzureichende Gründe erkannt, deren Erkenntnis also zwar mangelhaft, aber doch darum nicht trüglich ist, und mithin von dem analytischen Teile der Logik nicht getrennt werden muß. Noch weniger dürfen Erscheinung und Schein für einerlei gehalten werden. Denn Wahrheit oder Schein sind nicht im Gegenstande, so fern er angeschaut wird, sondern im Urteile über denselben, so fern er gedacht wird. Man kann also zwar richtig sagen: daß die Sinne nicht irren, aber nicht darum, weil sie jederzeit richtig urteilen, sondern weil sie gar nicht urteilen. Daher sind Wahrheit sowohl als Irrtum, mithin auch der Schein, als die Verleitung zum letzteren, nur im Urteile, d.i. nur in dem Verhältnisse des Gegenstandes zu unserm Verstande anzutreffen. In einem Erkenntnis, das mit den Verstandesgesetzen durchgängig zusammenstimmt, ist kein Irrtum. In einer Vorstellung der Sinne ist (weil sie gar kein Urteil enthält) auch kein Irrtum.“

(Ende des Zitats)

Zitat aus Band III, Gesammelte Werke, Immanuel Kant: “Kritik der reinen Vernunft”, (Transzendentale Dialektik, Der Transzendentalen Logik, Zweite Abteilung, Die Transzendentale Dialektik, Einleitung: Vom Transzendentalen Schein), Seite 308 – 309, Suhrkamp Taschenbuchausgabe, herausgegeben von Wilhelm Weischedel, 1. Auflage 1974, ISBN  3-538-27653-7

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(letzte Änderung: 06.09.2020, abgelegt unter: Diagnostik, Erkennen, Erkenntnis, Medizin, Philosophie, Psychiatrie, Psychologie, Zitate, Forensische Psychiatrie)

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Anmerkung zum Zitat: Wenn sich ein empirisches Urteil auf Fakten gründet, dann handelt es sich um ein Erfahrungsurteil im Sinne von Immanuel Kant, weil das Urteil auf der „Ebene der Objekte“ bzw. der „Ebene der Fakten“ überprüft werden kann (vgl. mit Kant Zitat 9 und Kant Zitat 7). Falls sich das empirische Urteil jedoch auf den (transzendentalen) Schein gründet, dann handelt es sich um ein Wahrnehmungsurteil im Sinne von Immanuel Kant, weil in diesem Fall das Urteil und damit die Erkenntnis – auch wenn sie auf Grundlage der Erfahrung respektive durch empirisches Wissen erlangt worden ist nicht physisch (biologisch, physiologisch, neurophysiologisch, bildgebend etc. ) überprüft werden kann, weil es hierfür keinen Probierstein der Erfahrung (vgl. mit Kant Zitat 10) gibt. In diesem Fall kann der Sachverhalt nur durch das Vergleichen und Gewichten der Ideen (Immanuel Kant spricht vom Ponderieren der Ideen) – also nur mit der philosophischen Methode der Dialektik entschieden werden.

Daher sind Wahrheit sowohl als Irrtum, mithin auch der Schein, als die Verleitung zum letzteren, nur im Urteile, d.i. nur in dem Verhältnisse des Gegenstandes zu unserm Verstande anzutreffen (vgl. mit obigem Text im Zitat) – und die Plausibilität liefert somit das Kriterium für die Entscheidung.

Daher überzeugt die bessere Argumentation das kritische Publikum und führt zum Applaus.

Man kann in einem solchen Fall also nur auf der „Ebene der Ideen“ durch das Vergleichen und Gewichten der Ideen (Ponderieren der Ideen)  – mit der philosophischen Methode der Dialektik – den Sachverhalt prüfen und entscheiden, weil die (subjektive) Wahrheit hier nur im subjektiv gültigen bzw. im persönlichen Urteil angetroffen wird.

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vergleiche auch mit Kant Zitat 6

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Weiteres zum empirisch begründeten Erkennen bzw. Diagnostizieren in Medizin und Psychiatrie – und auch in der Alternativmedizin / Komplementärmedizin und Psychosomatik – in meinem Buch:

Diagnostik, Klassifikation und Systematik in Psychiatrie und Medizin

erschienen im Verlag tredition, April 2019.

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(letzte Änderung 18.04.2020, abgelegt unter: Diagnostik, Erkennen, Erkenntnis, Medizin, Psychiatrie, Psychologie, Philosophie, Zitate, Forensische Psychiatrie)

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