Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Zur Geschichte der psychiatrischen Klassifikation

Die psychiatrisch-diagnostische Klassifikation der verschiedenen psychischen Störungen erfolgt auf der Grundlage der psychischen Auffälligkeiten, somit auf der Grundlage der psychischen Symptome und krankheitswertigen psychischen Phänomene, die man als psychopathologischen Phänomenene bezeichnet.

Bekanntlich entstand die Psychiatrie als Disziplin der Heilkunde vor etwas mehr als 200 Jahren.

Im Jahr 1808 hatte der Arzt und Stadtphysikus von Halle (an der Saale) Johann Christian Reil den Begriff  „Psychiaterie“ geprägt und es ist bald aus diesem Begriff der Begriff „Psychiatrie“ hervorgegangen.

Nicht lange davor sind psychische Auffälligkeiten entweder gar nicht, oder nur zum Teil als gesundheitliche Störungen (Krankheiten) angesehen worden.

Man kann sagen, dass in Europa erst als Frucht der Aufklärung (siehe auch -> Wiki Beitrag), somit als Folge des kritischen Denkens die psychischen Störungen als krankheitsbedingte Störungen der Psyche erkannt und anerkannt worden sind, und es werden diese seither nicht mehr als „Obsessionen“ (Besessenheit) oder als „moralische Verirrungen“ angesehen.

Bekannt geworden ist in diesem Zusammenhang der französische Arzt Philippe Pinel (1745-1826), der die psychischen Kranken als solche erkannt hat und erste psychische Symptomenkomplexe des Wahnsinns bzw. der Manie beschrieben hat und von dem man sagt, dass er die „Geisteskranken von den Ketten befreit hat„, sodass die „Irrsinnigen“ nicht mehr wie „Zuchthäusler“ behandelt wurden.

Über Pinel wird berichtet, dass er im Rahmen des systematischen Studiums des Wahnsinns (vgl. mit Pinel Zitat 2 und Pinel Zitat 1) eine genaue Lehre der Krankheitszeichen bei Geisteskrankheiten aufgestellt hat und so der Psychiatrie des 19. Jahrhunderts eine erste Grundlage gab.

Es entstand also schon unter Pinel eine, zumindest lokal in Frankreich angewandte Nosologie der Geisteskrankheiten, in dem Sinn, dass Pinel begann als Arzt psychische Krankheitserscheinungen (psychische Phänomene) unter gewissen von ihm definierten Krankheitseinheiten zu beschreiben und zu diagnostizieren.

In diesem Sinn hat später auch Wilhelm Griesinger (1817 – 1868) im deutschen Sprachraum in seinem Buch: “Pathologie und Therapie der Psychischen Krankheiten” eine erste psychiatrische Nosologie (1845) nach der Art und Weise der psychischen Anomalie veröffentlicht.

Wilhelm Griesinger schreibt:

” Eine Eintheilung der psychischen Krankheiten nach ihrem Wesen, d.h. nach den ihnen zu Grunde liegenden anatomischen Veränderungen des Gehirns ist derzeit nicht möglich (§6); sondern, wie die ganze Classe der Geisteskrankheiten nur eine symptomatologisch gebildete ist, so lassen sich als ihre verschiedenen Arten zunächst nur verschiedene Symptomencomplexe, verschiedene Formen des Irreseins angeben. Statt des anatomischen Einteilungsprinzips müssen wir das funktionelle, physiologische festhalten, und dieses wird hier, da die Störungen des Vorstellens und Strebens die hauptsächlichsten und auffallendsten sind, zum psychologischen. Nach der Art und Weise der psychischen Anomalie ist also das Irresein einzutheilen;…“

(das ganze Griesinger Zitat mit Quellennachweis finden Sie hier)

In seinem Lehrbuch „Pathologie und Therapie der psychischen Krankheiten für Aerzte und Studierende“ (2. Aufl. 1867) hat Wilhelm Griesinger folgende

3 Hauptgruppen mit zugehörigen Untergruppen beschrieben:

Erster Abschnitt. Die psychischen Depressionszustände – Die Schwermuth oder Melancholie

Erstes Capitel. Die Hypochondrie

Zweites Capitel. Die Melancholie im engeren Sinne.

Drittes Capitel. Die Schwermuth mit Stumpfsinn.

Viertes Capitel. Die Schwermuth mit Aeusserung von Zerstörungstrieben.

Fünftes Capitel. Schwermuth mit anhaltender Willensaufregung.

Zweiter Abschnitt.  Die psychischen Exaltationszustände.

Die Manie

Erstes Capitel. Die Tobsucht

Zweites Capitel. Der Wahnsinn

Dritter Abschnitt. Die psychischen Schwächezustände.

Erstes Capitel. Die partielle Verrücktheit

Zweites Capitel. Die Verwirrtheit oder allgemeine Verrücktheit (Démence)

Drittes Capitel. Der apathische Blödsinn

Viertes Capitel. Idiotismus und Cretinismus

Ausgehend von dieser Klassifikation der psychischen Krankheiten ist die psychiatrische Klassifikation weiterentwickelt worden.

Emil Kraepelin (1856 – 1926) hat als Nachfolger von Wilhelm Griesinger (1817 – 1886) einige Zeit später die Krankheitseinheit: Dementia praecox in seine psychiatrische Klassifikation aufgenommen und neben den einzelnen psychischen Symptomenkomplexen der psychiatrischen Einheiten auch deren zeitliche Entwicklung – also den Verlauf der psychischen Krankheit (psychischen Störung) berücksichtigt.

Die diagnostische Einheit Dementia praecox wurde jedoch alsbald durch die Einheit: Schizophrenie ersetzt, deren Definition der Schweizer Psychiater  Eugen Bleuler (1857 – 1939) im Jahr 1911 der Fachwelt vorgestellt hat (vgl. mit Bleuler Zitat 2). Diese psychiatrische Einheit – die so wie alle anderen psychiatrischen Einheiten eine systematische Einheit (vgl. mit dem Kant Zitat 8) ist mit ihren Unterformen ist im Wesentlichen bis heute unverändert geblieben.

Auf diese Art und Weise entstanden in der Psychiatrie neue diagnostische Einheiten und Differenzierungen der verschiedenen psychischen Störungen und es wurden diese in die sich entwickelnde psychiatrische Klassifikation aufgenommen.

So entstanden vorerst in den verschiedenen Ländern, teils von einander abweichende psychiatrische Klassifikationen. Erst vor wenigen Jahrzehnten sind diese durch die DSM- Klassifikation in den U.S.A bzw. durch die Psychiatrische ICD- Klassifikation der WHO ersetzt worden, die gegenwärtig als DSM-V Klassifikation und als Psychiatrische ICD-10 Klassifikation in Verwendung sind.

Diese vorerst lokal unterschiedlichen Entwicklungen der psychiatrischen Klassifikationen haben ihren Grund darin, dass psychiatrisch-diagnostische Einheiten durch psychiatrische Ideen definierte Einheiten sind. Es handelt sich dabei also um diagnostische Einheiten die durch psychische Symptomenkomplexe definiert sind und die nicht auf ein physisches Objekt zurückgeführt und auf dieser Grundlage allgemein gültig bestimmt werden können.

Man kann auch sagen: die psychiatrischen Einheiten sind auf der Ebene der Ideen definierte systematische Einheiten und es können damit diese Einheiten nur auf der Grundlage von mentalen Erkenntnisobjekten bzw. nur auf der Grundlage von Ideen erkannt werden. (vgl. mit Kant Zitat 7)

Das Erkennen ist in der Psychiatrie ist nicht von körperlichen Merkmalen abhängig, sondern von psychischen Merkmalen, die als die Begriffe der verschiedenen psychischen Phänomene im Bewusstsein der erkennenden Person erscheinen (griechisch: phenomenon – das was erscheint, das Erscheinende) (vgl. mit Kant Zitat 7).

Es handelt sich dabei also um Auffälligkeiten, die gemäß der psychischen Anomalie erfasst werden, wie dies bereits Wilhelm Griesinger erkannt hatte. (vgl. mit Griesinger Zitat)

Tatsächlich kann man psychische Erscheinungen nur auf der Ebene der Vorstellungen, also nur auf der Ebene der Ideen erkennen. Der Psychiater und Philosoph Karl Jaspers hat dies erkannt. Karl Jaspers schreibt daher, dass man psychische Erscheinungen nur unter der Führung von Ideen auf der Grundlage von Ideen bzw. auf der Grundlage von Typen erkennen kann (vgl. mit dem Jaspers Zitat).

Während also körperliche Krankheiten – soweit sie objektiv festgestellt werden können – sich auf körperliche Zeichen (Merkmale) gründen, die ihrerseits objektiv erkannt und objektiv gültig bestimmt werden können, ist dies beim  Erkennen der Zeichen von psychischen Störungen und damit beim Erkennen von psychischen Phänomenen und damit beim Erkennen von psychischen Störungen und somit beim Erkennen der psychiatrischen Diagnosen nicht möglich.

Psychiatrische Diagnosen können nur auf der Grundlage von psychischen Symptomen und psychischen Phänomenen erkannt werden. Man kann also psychische Störungen und damit psychiatrische Diagnosen nur auf der Grundlage von Ideen erkennen. (vgl. mit Kant Zitat 7)

Psychische Symptome und  psychische Phänomene werden in der Form der Begriffe dieser Ideen erkannt, die als Gegenstände in der Idee im Bewusstsein der erkennenden Person erscheinen. Im Gegensatz dazu erkennt man objektiv bestimmbare Einheiten in der Medizin auf der Grundlage von Gegenständen schlechthin (vgl. mit Kant Zitat 7), also auf der Grundlage von augenscheinlich evident erkennbaren Erkenntnisobjekten.

Oder man kann auch sagen: eine psychiatrische Einheit wird auf der Grundlage einer systematischen Einheit erkannt, wohingegen eine objektiv bestimmbare Einheit in der Medizin auf der Grundlage einer real existenten bzw. auf der Grundlage einer „physischen“ Einheit erkannt wird. (vgl. mit Kant Zitat 7)

Weil die psychiatrisch-diagnostischen Einheiten nicht auf körperlicher Grundlage diagnostisch bestimmt werden können, müssen sie also auf der mentalen Ebene definiert werden und sie können auch nur auf dieser Ebene bestimmt werden.

Erkenntnistheoretisch bzw. philosophisch gesprochen müssen die diagnostischen Einheiten in der Psychiatrie durch psychiatrische Konzepte erfasst werden. Dies hat zur Folge dass die psychiatrischen Diagnosen durch die definierten  psychiatrischen Kategorien einer psychiatrischen Klassifikation erfasst werden. Es werden also die verschiedenen psychischen Störungen auf der Grundlage der unterschiedlichen psychischen Symptomenkomplexe mit der Hilfe dieser systematischen Einheiten diagnostisch erfasst (vgl. mit Kant Zitat 7).  Es handelt sich dabei also um eine dogmatische Definition, da die „Grenze“ einer psychiatrischen Kategorie per Meinung (griechisch: dogma – Meinung, Denkart, Lehrsatz) definiert werden muss. Mit anderen Worten: in der Psychiatrie kann man die psychischen Störungen nur auf der Grundlage einer Ideenlehre, somit nur auf der Grundlage einer Ideologie – und daher philosophisch gesprochen nur auf der Grundlage einer Dogmatik erkennen (vgl. mit Kant Zitat 10).

Es hat sich also die Erwartung von Wilhelm Griesinger dass man in Zukunft gewisse psychischen Krankheiten auf der Grundlage der anatomischen Veränderungen des Gehirns in Zukunft bestimmen kann  nicht möglich. Und wie man sich überzeugt werden die psychiatrisch-diagnostischen Einheiten weiterhin nicht „physisch“ sondern auf der Grundlage der anatomischen Anomalie also (also meta-physisch bzw. auf der Grundlage von definierten Ideen erkannt (vgl. mit dem Griesiner Zitat). Man kann also die verschiedenen psychischen Störungen und damit die psychiatrischen Diagnosen nach wie vor nur auf der Grundlage der psychischen Anomalie, also nur psychologisch bzw. nur psychopathologisch als nur auf der Grundlage der psychopathologischen Phänomene  erkennen und diagnostisch bestimmen. Daher beruht die psychiatrische Diagnostik und auch die psychiatrische Systematik auf der Psychopathologie bzw. auf der Phänomenologie.

Dies war also der Grund warum an verschiedenen Orten verschiedene psychiatrische Klassifikationen im Laufe der Zeit entstanden sind, weil die Ärzte in den verschiedenen Ländern unterschiedliche Definitionen für die einzelnen Einheiten in Folge ihrer unterschiedlichen denkenden Anschauung (vgl. mit Jaspers Zitat) erkannt und in ihre Klassifikationen aufgenommen hatten. Man konnte also diese Schemata in Bezug auf ihre Grenzen beliebig korrigieren und verändern, so wie es den mit der Entwicklung der Klassifikation befassen Fachleuten passend schien. (vgl. mit Jaspers Zitat)

Philippe Pinel hat die psychischen Auffälligkeiten unter den von ihm definierten systematischen Einheiten beschrieben und aufgefasst. Desgleichen hat Wilhelm Griesinger die psychischen Auffälligkeiten gemäß seinen Ideen bzw. gemäß seinen systematischen Einheiten (vgl. mit Kant Zitat 8) aufgefasst und es haben andere Ärzte wiederum andere systematische Einheiten in ihren Klassifikationen definiert und verwendet. Man erkennt damit dass Karl Jaspers den Sachverhalt richtig erkannt hat wenn er in seinem Buch „Allgemeine Psychopathologie“ schreibt, dass es sich bei diesen Schemata um methodische Hilfsmittel handelt, die grenzenlos korrigierbar und verwandelbar sind. (vgl. mit Jaspers Zitat)

Man sieht also, dass ein und dasselbe psychiatrische Krankengut unter verschieden definierten „systematischen Einheiten“ (vgl. mit Kant Zitat 8) bzw. unter verschiedenen Gesichtspunkten aufgefasst werden kann.

Wie die Geschichte der Psychiatrie lehrt, waren bis vor nicht allzu langer Zeit wegen der verschiedenen Sichtweisen noch verschiedene psychiatrische Klassifikationen an verschiedenen Orten in Verwendung.

Weil die psychischen Störungen (Krankheitseinheiten) nicht auf der „physischen“ Ebene, an Hand von körperlichen Zeichen (Merkmalen) bestimmt werden können, war es erforderlich sie auf der Ebene der Erscheinungen – also auf der Ebene der Phänomene, also  „jenseits der physis“ – sprich –  „meta-physisch“ bzw. auf der Ebene der bloßen Ideen (vgl. mit Kant Zitat 4) – zu definieren (vgl. mit Kant Zitat 10).

Die psychiatrisch-diagnostischen Konzepte bzw. psychiatrischen Kategorien (Einheiten) sind also jeweils so definiert worden, wie die Definitionen den  Fachleuten (in ihrer Vorstellung) angemessen erschienen sind. Man kann daher auch von einer Festlegung per Konvention sprechen, wobei die jeweilige Konvention keinesfalls rein zufällig und willkürlich entstanden ist, sondern sie sich aus der klinischen Erfahrung und dem Wissen der Zeit, das die Fachleute hatten, durch vernünftige Überlegung , also auf der Grundlage des Verstandes und der Vernunft ergeben hat.

Wendet man die Kant`sche Philosophie auf die psychiatrische Klassifikation an, so kann man sagen, dass die psychiatrischen Diagnosen auf der Grundlage von psychiatrischen Konzepten entstanden sind. Diese Konzepte bzw. diese systematischen Einheiten sind also die Schemata von „bloße Ideen“ im Kant` schen Sinn. Die psychischen Symptome und auch die psychopathologischen Phänomene werden nämlich – philosophisch gesprochen – auf der Grundlage von projektierten Einheiten bzw. auf der Grundlage von nur problematisch zum Grund gelegten Einheiten (vgl . mit Kant Zitat 8) erkannt und es können daher solche Einheiten nicht am Probierstein der Erfahrung geprüft werden (vgl. mit Kant Zitat 10). Mit anderen Worten: psychologische bzw. psychiatrische Begriffe sind nicht „physisch“ überprüfbare Einheiten bzw. es sind dies die systematischen Einheiten von bloßen Ideen. (vgl. mit Kant Zitat 4)

Die psychiatrischen Feststellungen (Diagnosen) hängen also davon ab, wie die systematischen Einheiten (vgl. mit Kant Zitat 8) per Konvention (dogmatisch) definiert worden sind.

Weitere Einzelheiten zu den philosophischen Grundlagen der psychiatrischen Klassifikation finden Sie auf dem Poster 5

CLASSIFICATION IN PSYCHIATRY – APPROPRIATE USE OF THE DSM-IV AND ICD-10 CATEGORIES – TO AVOID CONFLICTS AND CONTRADICTIONS IN PRACTICE AND SCIENCE – AN INVESTIGATION IN THE LIGHT OF IMMANUEL KANT`S PHILOSOPHY

der am

International Congress of the Royal College of Psychiatrists, 21 – 24 June 2010, Edinburgh, UK vorgestellt worden ist.

Weiteres dazu auch in den anderen Veröffentlichungen.

In dieser Hinsicht unterscheidet sich die psychiatrische Klassifikation grundsätzlich von der somatischen Klassifikation in der Medizin, soweit diese auf objektiven, körperlichen Kriterien beruht bzw. soweit die medizinischen Diagnosen objektivierbar sind.

Es gibt zwar auch in der somatischen Klassifikation gewisse Fragen in Bezug auf die Begrenzung der Krankheitseinheiten. Viele somatische Krankheitszustände können jedoch auf der Grundlage von körperlichen Krankheitszeichen, also auf der Grundlage von objektiven Merkmalen, die dem Untersucher als „Gegenstände schlechthin“ (im Kant`schen Sinne) gegeben sind eindeutig und damit objektiv gültig und damit allgemein gültig bestimmt werden.

Im Gegensatz dazu können die psychischen Störungen in der Psychiatrie grundsätzlich nicht einer derartigen „physischen“ Überprüfung und Klärung zugeführt werden bzw. ist die Objektivierung einer psychiatrischen Diagnose grundsätzlich nicht  möglich, was eben bei medizinischen Diagnosen oftmals auf „physischer“ Ebene möglich ist. Dies hat seinen Grund darin, dass die Krankheitsmerkmale in der Psychiatrie psychische „Erscheinungen“ (Phänomene) sind, also mentale Erkenntnisobjekte – bzw.  „Gegenstände in der Idee“ sind – die nicht am „Probierstein der Erfahrung“ im Hier und Jetzt überprüft werden können. (vgl. mit Kant Zitat 10)

Daher sind einerseits in der Psychiatrie verschiedene Nosologien und verschiedene Klassifikationen nebeneinander entstanden und es bestehen  auch heute noch die psychiatrische ICD Klassifikation neben der DSM Klassifikation. Dabei kann nicht auf der Grundlage von objektiven Kriterien entschieden werden, welche Klassifikation (Nosologie) die „richtige“ bzw. die „bessere“ ist. Es ist so, wie dies bereits Karl Jaspers erkannt hat – man kann die psychischen Störungen unter den verschiedensten Gesichtspunkten also unter verschiedenen Sichtweisen auffassen. (vgl. mit Japsers Zitat 11)

Jede psychiatrische Klassifikation stellt für sich ein diagnostisches Instrumentarium dar, um damit die Vielfalt der krankheitswertigen psychischen Auffällligkeiten (Erscheinungen) gemäß den verschiedenen psychiatrischen Ideen, somit gemäß den verschiedenen psychiatrischen Kategorien, die jeweils unterschiedliche systematische Einheiten (bzw. den verschiedenen definierten Unter-Einheiten) zu diagnostizieren. Mit anderen Worten: man kann psychische Störungen zwanglos unter verschiedenen Gesichtspunkten, somit unter verschiedenen systematischen Einheiten auffassen, lediglich innerhalb einer Klassifikation ist dabei zu beachten, welcher Einheit ein konkreter Fall zuzuordnen ist. Mit anderen Worten: man beachtet dabei auf der Ebene der Vorstellungen welcher diagnostischen Einheit ein gewisser psychischer Symptomenkomplex zugeordnet werden kann. (vergl. mit Kant Zitat 2 und mit Kant Zitat 3 )

Daher sagt Karl Jaspers, dass die psychiatrischen Ideen bzw. die Schemata dieser Ideen methodische Hilfsmittel sind, die grenzenlos korrigierbar und verwandelbar sind. (vgl. mit Jaspers Zitat)

Diese Gegebenheit sollte im Rahmen der gegenwärtigen Diskussion bezüglich der Revision der DSM-Klassifikation und der Revision der ICD – Klassifikation bedacht und berücksichtigt werden.

Hingewiesen sei an dieser Stelle, dass durch das Aufgeben einer der beiden Klassifikationen (ICD oder DSM) zugunsten der jeweils anderen – etwa in der Absicht damit in der Psychiatrie diagnostische Verhältnisse zu schaffen, wie sie in der körperlichen Medizin gegeben sind – nichts gewonnen würde, sondern dass damit der Indifferentism und damit das wissenschaftliche Chaos  noch größer würde (vgl. mit Kant Zitat 10).

Durch das Aufgeben einer der beiden etablierten psychiatrischen Klassifikationen kann der grundsätzliche Unterschied in der Erkenntnisbasis zwischen der Medizin und der Psychiatrie nicht aufgehoben und nicht überwunden werden (vgl. mit Kant Zitat 7). Das heißt, eine weitere Reduktion der Sichtweise in der Psychiatrie (eine weitere Versimplifizierung der Ideologie per Übereinkunft) würde zweifelsohne der Psychiatrie und dem angestrebten Zweck vorhersehbar nicht dienlich sein (vgl. mit Kant Zitat 2a)

In der Psychiartrie sollte man sich der Erkenntnisbasis und der Grundlage des psychiatrischen Wissens bewusst sein und die damit verbundenen Konsequenzen beachten (Beiträge zu den Konsequenzen finden sie hier). Das heißt man sollte sich der Tatsache bewusst sein, dass das psychiatrische Wissen mit der Hilfe von definierten hypothetischen Einheiten, also auf der Grundlage von Konzepten erlangt wird, die nicht „physisch“ überprüft werden können. Nichts desto trotz sind diese hypothetischen Einheiten, die auf der Grundlage von nicht-überprüfbaren Ideen erkannt werden (vgl. mit Kant Zitat 4) sehr nützlich, wenn man damit der „Natur“ „nach allen möglichen Prinzipien der Einheit bis in ihr Innerstes nachgeht, niemals aber die Grenzen überfliegt, außerhalb welcher für uns nichts ist als leerer Raum. (vgl. mit Kant Zitat 2). Es handelt sich also bei den psychiatrischen Einheiten um zweckmäßige Einheiten im Sinn von Immanuel Kant.

Zur weiteren Entwicklung der psychiatrischen Klassifikationen

Zur weiteren Entwicklung der psychiatrischen Klassifikationen kann man sagen, dass vorhersehbar weitere Modifikationen im Rahmen der Revisionen der Klassifikationen stattfinden werden und zwar in dem Sinn, wie es den jeweils befassten Fachleuten angemessen erscheint. Es wird also der Endzweck die „Nützlichkeit“ entscheidend sein – vgl. mit dem Begriff Zweck (in Kant Zitat 2) –  ob eine einzelne Kategorie modifiziert werden soll, und, ob es Sinn macht eine weitere, neue systematische Einheit in die Klassifikation einzuführen. (vgl. mit Jaspers Zitat). Wie man sich überzeugt handelt es sich – wie gesagt – bei den psychiatrischen Einheiten um zweckmäßige Einheiten bzw. um nützliche Einheiten.

In diesem Sinn wird die Entwicklung der psychiatrischen Klassifikationen – völlig unabhängig von den körperlichen Grundlagen bzw. völlig unabhängig von etwa zu Grunde liegenden Faktoren und Ursachen der psychischen Erscheinungen weiter voranschreiten.

Sollte (wider Erwarten) bei gewissen psychischen Symptomenkomplexen eine körperliche Ursache entdeckt werden – so, wie dies beim klinischen Erscheinungsbild der Fall war, das früher als progressive Paralyse bezeichnet worden ist – dann wird diese gesundheitliche Störung zukünftig nicht mehr nach psychischen Kriterien diagnostisch erfasst werden, sondern nach körperlichen und es wird diese phänomenologische Einheit aus der Psychiatrie verschwinden – so wie die psychiatrische Diagnose progressive Paralyse aus der Psychiatrie verschwunden ist. Eine solche gesundheitliche Störung würde dann im diagnostischen Raster der körperlichen Medizin erfasst werden.

Hier noch ein Link zur interessanten Diplomarbeit von Nadine Rapold, veröffentlicht im Internet,

mit dem Titel: DER PSYCHISCH KRANKE

in dem die Geschichte der Psychiatrie eindrücklich aufgezeichnet wird.

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(letzte Änderung 23.11.2015, abgelegt unter Psychiatrie, Diagnostik, Klassifikation)

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